STÜCKWERK BERLIN – STÜCKWERK EUROPA
Ein Detailbild des Teppichs

Dunkle Seiten

Die Wahl für ein Bild war jedem/r Teilnehmer/in freigestellt. Eine Zensur fand nicht statt.

Dennoch will ich mich nicht darauf zurückziehen, dass die Näherinnen „nur“ fixierten, was sie im öffentlichen Stadtraum entdeckten, sie haben sich mit ihrer Auswahl auch bewusst entschieden, doch die Interpretation der Bilder ist so frei wie die Motivation, ein Motiv umzusetzen.

Wir wissen nicht, warum der Graffitikünstler ein nacktes Mädchen an die Wand sprühte, die Frage ist, was uns ein solches Bild bedeutet.
Ich möchte zwei Situationen im offenen Atelier gegenüberstellen:

Eine junge Oma teilt überschwänglich ihre Freude über den Nachwuchs mit. „Ach, wenn ich das Baby im Arm habe, dann will ich hineinbeißen, es küssen und knuddeln und nicht mehr loslassen!“

Eine andere Frau sah in dem Bild des Babys deutliche Zeichen von Missbrauch. Fragend schauten wir die Frau an. „Ich bin missbraucht worden“, sagte sie und noch leiser kam ein „Ich auch“ aus dem Raum. Gerne wäre ich aus dem offenen Atelier geflohen, nach draußen in den abendlichen Schnee. Es schien, als ob die Dunkelheit und Kälte von draußen nur mühsam von den riesigen Glasscheiben abgehalten würde. Einer langen Leidensgeschichte zuzuhören, fällt schwer, eine schockierende Schlagzeile zu hören, ist leicht schnell abgetan.
Ich möchte beiden Positionen gerecht werden, und ich lasse an dieser Stelle bewusst offen, wessen Motivation es war, das Babybild umzusetzen. Während dieser ernsthaften Auseinandersetzung gab es zwei wichtige Entscheidungen: das Bild nicht aus dem Teppich zu entfernen und nicht nach der Vorlage zu suchen.
Gilt die Unschuldsvermutung? Ein nacktes Mädchen ist unschuldig! Aber die Tatsache, dass die Gefahr von Missbrauch damit verbunden wird, ist ein gesellschaftliches Problem, welches weder durch Ausblenden der Bilder behoben wird noch das Negieren der Gefahr.
Es ist richtig und wichtig, sich dieser Auseinandersetzung zu stellen, und es gehört zum Wesen von Kunst, dass ihre Interpretation vielschichtig ist.

Don't tell anyone my alias!
(Sage Niemandem meinen Decknamen!)

Dieses Motiv wurde von einer Frau gewählt, die ihre Erleichterung darüber zum Ausdruck bringen wollte, dass nicht mehr geschwiegen, sondern geredet wird.

Sie setzte dies Motiv gemeinsam mit ihrer Mutter um.

Weitere Motive des Teppichs: